29.08.2016

Prolog

- "Hin und her, ja hört sich interessant an. Und was macht man dann später damit?"
- "Es dient einem Selbstzweck."
- "Achso, mhmmm, ja....Selbstzweck. Das klingt ja cool. Kann man damit Geld verdienen?"
........ 


Hier eine kurze Erklärung damit man weiß, welch grandiose Welt verändernde Idee, die noch völlig neu und sehr wahrscheinlich noch niemals gedacht worden ist, dahinter steckt. Okay, das war übertrieben. Diese Art spontaner Poesie gibt es schon seitdem wir überhaupt selbst schreiben können. Eigentlich bekannt unter dem Namen Ping Pong mit Worten oder Begriffe-Tischtennis oder: Der eine schreibt einen Text, gibt ihm seinem Mitspieler, welcher ihn daraufhin liest und ein x-beliebiges Wort aus dem Produkt nimmt, um daraus ein neues Meisterwerk zu kreieren. Und so geht es dann hin und her und hin und her. 
Kant nannte so etwas "Das freie Spiel der Erkenntniskräfte". 
Goethe sagte dazu, glaube ich: "Das ist so einfach und auch dadurch wieder so geil. Darauf mach ich mir erstmal ne schöne Flasche Rheingau auf!"

Viel Spaß beim Konsum!

29.08.2014

Hin - Der Seemann

Der Sand weiter oben lag still. Die Wellen, wenn man überhaupt davon reden konnte, schoben sich an einer anderen Stelle rauschend über ihn. Dort lag der Sand nicht mehr still. Aber weiter oben, da bewegte sich kein Stück. Kein einziges Sandkorn.
Doch ganz plötzlich wölbten sich einige von ihnen. Sie schoben sich an einer winzigen Stelle leicht nach oben und ein kleiner, runder, dunkler Kopf kam hervor. Blind schaute er nach vorne in den Horizont, der erst ein schmaler leuchtender Schlitz war. Er schob sich ein Stück nach vorne und zog zwei kleine schmale Flossen hinterher mit deren Hilfe, sich abstützend, der Rest des Körpers aus dem kalten Sand hervorgehoben wurde. Ein schwarzer runder Panzer und ein kleiner leicht nach oben gebogener, spitz zu gehender Schwanz kamen zum Vorschein. Über diesem winzigen Körper, der langsam Richtung Wasser schreitend, seine vorderen Gliedmaßen intuitiv auf und ab schlug, zogen die ersten weißen Ungeheuer ihre Kreise.
Eine runde flackernde, blutorange Wölbung kam am Horizont langsam hervor. Der Seemann hievte indes seinen Kahn Richtung Wasser und sah das kleine Geschöpf an seiner Seite. Verschlafen blinzelte er es an. Früher gab es kein verschlafenes Blinzeln. Nur eine Verschiebung von der Senkrechten in die Waagerechte und der Gang Richtung Meer. Aber nun war er älter geworden. Alt um genau zu sagen.

Her - Seemannsmütze

Auf der alten Bank vorm Haus,
sitzt es sich gut.
Der Kapitän schaut landeinwärts
so wie damals auf See.

Warum er aufs Land schaut?
Die Erinnerung ruft
und das Meer
ist stürmischer den je.

Unter der Seemannsmütze
durchmischt das erwachsene Kind
Realität und Phantasie
_

Auf der alten Bank vorm Haus
sitzt es sich gut.
Der Seemann schaut lange ins Blau.
so wie damals auf See.

Das Haus in dem gestrandeten Schiff
wartet auf die letzte Flut.
und das Meer
ist stürmischer den je.

Hin - Das kleine Büchlein

Ich habe mir heute auf dem Flohmarkt vor dem Schönefelder- Rathaus ein kleines Büchlein von Hermann Hesse gekauft. Hermann Hesse ist so wie Frank Schätzing oder Charlotte Roche ein deutscher Kultautor. Jeder, der was von seiner Persönlichkeit halte, müsse Hermann Hesse im Regal stehen haben, erzählte mein Freund Achim, während wir uns, auf der Suche nach einem Second-Hand-Laden namens Siddharta, die Wienerstraße in Kreuzberg entlang bewegten. 
„Und um was geht’s da so?“, fragte ich. Auf seinem Loaded-Longboard, ein paar Meter vor mir langsam dahin gleitend sein Ethno-Style-Tanktop flatterte leicht im Fahrtwind drehte er seinen Kopf, warf mir einen verstörten Blick zu und bremste mit dem rechten Fuß abrupt  ab. Achim ist ein geübter Longboarder, der mit diesem Stück hellem Brett nun schon seit drei Monaten eine Art Symbiose vollzieht. Es ist zu einem Stück seiner Person geworden. Egal wo, egal wann, immer hat er es dabei. Mittlerweile kann er sogar schon richtig bremsen. Weder springt er aus Angst von dem Board, noch holpert er mit seinem rechten Fuß unkontrolliert über den Asphalt; nein, er setzt ihn behutsam auf den sich bewegenden Untergrund, legt sein gesamtes Gewicht in seine Zehen und schliddert so lange über den Boden bis er zum stehen kommt. Toll! 
„Diggi, was ist das denn für eine Frage?“, Achim verzog sein Gesicht. Ein Auge wurde größer als das andere. Er zog seinen Kopf leicht nach hinten. „Um was soll es da schon
gehen? Das ist Kunst. Ganz einfach Kunst. Da geht es um nichts. Das hat einen Zweck an sich.“ Daraufhin begann er zu lachen. Er lachte wie ein Filterkaffee, sogar ein wenig herablassend, wie ich fand. „Ach Diggi, du hast echt keine Ahnung von Literatur.“ 

Her - Die Luger aus dem Handschuhfach

Jonny kurbelte das Fenster herunter und hielt die flache Hand in den Regen. Die Tropfen kribbelten auf der Haut. „Fast wie diese Dinger, mit denen man sich die Kopfhaut massieren kann“, sagte er in Richtung Beifahrersitz, aber er erwartete keine Antwort. Er zog die Hand aus dem Regen, und drehte sich ein wenig auf dem Fahrersitz, um Morty genauer zu betrachten. Den Kopf in den Nacken gekippt, zog sich ein Sabberfaden aus dem weit geöffneten Mund über das Kinn. Der Brustkorb hob und senkte sich langsam und gleichmäßig – Morty schlief tief und fest. „Du machst es richtig, mein Lieber“, sagte er zu seinem schnarchenden Mitfahrer, und zog ihm den Stabilo aus der Hemdtasche. 
„Dali-Schnurrbart oder Nelly-Pflaster?“, fragte er Schlafes Bruder, und die Schutzkappe des Stiftes landete im Fußraum, aber in dem Moment als er zum ersten Strich seines Kunstwerkes ansetzten wollte, erstickte eine angefangene Schnarchmelodie in ihrem Klangkörper und Morty wurde unvermittelt aus seinem Schlafrhythmus gerissen. Einundzwanzig, zweiundzwanzig – man konnte dem Gehirn förmlich bei der Arbeit zusehen, wie es den Organismus wieder auf „Wachzustand“ umschaltete – und Morty hatte die Orientierung zurückerlangt.
„Gehts noch?“ fragte er mißmutig während er sich im Sitz aufrichtete und mit dem Handrücken über den Mund wischte, um sich der freien Spucke zu entledigen, „da pennt man grad mal fünf Minuten, und schon planst du so eine Scheiße?“

Hin - Weltraum

Ich betrank mich das erste Mal außerhalb meines Elternhauses, in einer Kneipe namens Weltraum. Warum das Ding so hieße, habe ich meinen Kollegen Matze gefragt, der, obwohl etwas jünger als ich, schon tausendmal in irgendwelchen Bars gesoffen hatte. Er konnte es mir nicht sagen. Matze war geistig nicht gerade das, was man einen durchschnittlich begabten Jugendlichen nannte. Aber dafür konnte man sich mit ihm amüsieren und er sah alt aus. Mindestens wie 18. Ich dagegen war schmal und sah mindestens zwei Jahre jünger aus, als es dem offiziellen Alter auf meinem Personalausweis entsprach. In den Supermärkten habe ich nie was zu trinken bekommen. Ich musste immer fünf Kilometer mit dem Rad fahren, um zu einem überteuerten Kiosk zu gelangen, an dem ich überteuertes Dosenbier kaufen konnte. Der Kiosk lag recht abgelegen auf einer Straße, zwischen einigen Feldern, was wahrscheinlich der Grund war.  Glücklicherweise hatte ich Matze und Matze war mindestens genau so ein Säuferkind wie ich. Darum musste ich nur sehr selten die fünf Kilometer auf mich nehmen.
Der Weltraum war damals für mich wirklich so etwas wie ein neues Universum. Ich betrat eine neue Welt, eine Welt, deren Mythen ich nur aus Bukowski- Romanen kannte, die ich damals gelesen hatte. In meiner Vorstellung saßen drei fertige Typen an der Bar. Sie waren cool. Richtig coole Typen, die stundenlang saufen konnten ohne vom Hocker zu fallen. Sie trugen dunkle Sonnenbrillen und schrieben in der anderen Zeit Short Stories über die Geschichten, die sie in der Kneipe erlebten. Ich weiß noch, dass ich zu dieser Zeit auch meine erste Kurzgeschichte geschrieben hatte. Es ging um einen dreckigen Säufer, der nichts mehr im Kühlschrank hatte und weil er vergessen hatte, dass es Sonntag war - er hatte sich einfach um die Zeit getrunken - fuhr er in die Stadt. Doch alle Läden waren geschlossen. Nicht mal was zu saufen konnte er sich klar machen. Eine traurige Welt, die ich da konstruierte, in der es nicht mal Trinkhallen gab oder Tankstellen, die sonntags geöffnet hatten. Der Mann war verzweifelt. Was für eine beschissene Welt, in der ich lebe, sagte er sich immer wieder, dabei war er es ja schließlich, der an seinem Schicksal Schuld war. Nicht der Raum um ihn herum und ganz bestimmt nicht die Welt.