29.08.2014

Her - Die Luger aus dem Handschuhfach

Jonny kurbelte das Fenster herunter und hielt die flache Hand in den Regen. Die Tropfen kribbelten auf der Haut. „Fast wie diese Dinger, mit denen man sich die Kopfhaut massieren kann“, sagte er in Richtung Beifahrersitz, aber er erwartete keine Antwort. Er zog die Hand aus dem Regen, und drehte sich ein wenig auf dem Fahrersitz, um Morty genauer zu betrachten. Den Kopf in den Nacken gekippt, zog sich ein Sabberfaden aus dem weit geöffneten Mund über das Kinn. Der Brustkorb hob und senkte sich langsam und gleichmäßig – Morty schlief tief und fest. „Du machst es richtig, mein Lieber“, sagte er zu seinem schnarchenden Mitfahrer, und zog ihm den Stabilo aus der Hemdtasche. 
„Dali-Schnurrbart oder Nelly-Pflaster?“, fragte er Schlafes Bruder, und die Schutzkappe des Stiftes landete im Fußraum, aber in dem Moment als er zum ersten Strich seines Kunstwerkes ansetzten wollte, erstickte eine angefangene Schnarchmelodie in ihrem Klangkörper und Morty wurde unvermittelt aus seinem Schlafrhythmus gerissen. Einundzwanzig, zweiundzwanzig – man konnte dem Gehirn förmlich bei der Arbeit zusehen, wie es den Organismus wieder auf „Wachzustand“ umschaltete – und Morty hatte die Orientierung zurückerlangt.
„Gehts noch?“ fragte er mißmutig während er sich im Sitz aufrichtete und mit dem Handrücken über den Mund wischte, um sich der freien Spucke zu entledigen, „da pennt man grad mal fünf Minuten, und schon planst du so eine Scheiße?“
„Fünf Minuten?“ fragte der Fahrer unschuldig, und beugte sich unter das Lenkrad, um die Stiftkappe zu suchen, „du bist seit mindestens 'ner Stunde weg, und genauso lange stehen wir auch schon im Stau.“ Morty warf einen Blick in den Rückspiegel, und was er sah, bestätigte das Bild in der Windschutzscheibe: Wartende Maschinen. Nachdem er sich den Restschlaf aus den Augen gerieben hatte, fingerte er den Tabakbeutel aus der Hosentasche, und begann, sich eine Kippe zu drehen. „Du bist ein Arschloch, Jonny“, sagte er schließlich grinsend mit schiefem Mund durch die Selbstgedrehte, „aber ich hätts bestimmt auch versucht.“, und die kleine Flamme erleuchtete für einen Moment den Innenraum der Kapsel. Er drehte den Kopf in Richtung Fahrersitz, wo Jonny grade wieder aus den Tiefen der Pedale und Bonbonpapiere an der Oberfläche erschien. Er hielt triumphierend die kleine Hülse in der Hand. „Mir war langweilig.“
„Mmh.“ Morty pustete den Rauch frontal gegen die Scheibe. „Sieht ganz so aus.“
„Ach komm, alter Freund. Ich muss auf der Reise auch mal pennen, und wir tauschen Plätze.“ Jonny hielt die Hand wieder aus dem Fenster in die Tropfenkaskade. „Du kriegst deine Chance.“ Er überlegte. „Aber keine Lackstifte.“
„Keine Lackstifte“, bestätigte Morty und drehte das Radio ein wenig lauter. Staumusik. Fast so wie Fahrstuhlmusik, nur ohne die Gewißheit des baldigen Endes. Das laue Gedudel mischte sich in die Geräuschkulisse der wartenden Karawane auf der nächtlichen Landstraße.
„Heute anzukommen, können wir vergessen.“ Jonny zog die Hand durchs Fenster und kurbelte es hoch. „Was machen wir jetzt mit der Zeit?“
„Nix.“ Morty schnippte den Kippenstummel durch den Spalt auf die Fahrbahn. „Quatschen?“ Er pustete den letzten Zug Rauch in die Luft. „Komm, erzähl mir was.“
Ein Moment der Stille verstrich unbemerkt, weil keiner der beiden ihn so wahrnahm. Vor ihnen in der Schlange sah es kurz so aus, als würde sich etwas tun, aber es entpuppte sich als Wunschdenken.
„Gib mir mal die Luger aus dem Handschuhfach“, sagte Jonny in das Plätschern und Trippeln auf Metall und Glas, und betätigte den Lichtschalter vor dem Schiebefenster im Dach. Morty seufzte kurz auf.
„Jau. Ok.“, sagte er schließlich, und er öffnete die Klappe zwischen seinen Beinen. Er tastete kurz blind mit den Händen im Krimskrams herum, bis er gefunden hatte, was er suchte. Das kleine Büchlein lag verknickt und verlesen zwischen den anderen Heften und Taschenbüchern, und irgendetwas klebriges hatte sich dem Einband bemächtigt. Er hielt den Titel kurz ins Licht der Deckenlampe, um sicher zu gehen, das er das richtige erwischt hatte. Da stand „Dialektik der Aufklärung“, und als Morty sich überzeugt hatte, reichte er es Jonny. „Du bist dran.“ Er lehnte sich zurück. Quer über der Titelschrift auf dem Cover prangte ein in dicken Linien mit Edding gezogener Revolver. „Lies ab Odysseus.“, sagte Morty. „Und mach langsam, ich bin immer noch nicht ganz wach.“
„Is ja perfekt“, murmelte Jonny, als er die Knarre entgegennahm. Er drückte auf den Knopf, und das Radio verstummte. Nur noch Regenplätschern. Er lud die Luger durch, bis er die richtige Seite fand. Dann begann er laut zu lesen:

„Das Organ des Selbst, Abenteuer zu bestehen, sich wegzuwerfen, um sich zu behalten, ist die List. Der Seefahrer Odysseus -“

„Schieß mich tot, find ich gut!“, fiel ihm Morty ins Wort. Jonny ließ genervt das kleine Büchlein in den Schoß fallen, und blickte ihn grimmig an. „Soll ich nu' lesen, oder nicht?“ Er fingerte in den Seiten, um die Stelle wiederzufinden.
„Sich wegzuwerfen, um sich zu behalten“, tagträumte Morty, „das hab'n die beiden schön gesagt. - „Welche beiden?“, fragte Jonny verwirrt.
„Wie, welche beiden?“ Na, Theo und Horki – hast du doch grad selbst vorgelesen. Abenteuer, blablup, sich wegschmeißen, schlag doch noch mal die Seite auf und“ - Morty griff Jonny ins Buch, um nachzuhelfen, aber sein Kollege war schneller.
„Geh weg!“, sagte dieser, und zog das Buch gedankenschnell beiseite. „Ich lese. Du bist später dran.“ Er betrachtete den Revolver auf dem Cover, während Morty sich beleidigt in seine Sitzschale zurückzog.
„Die Knarre auf dem Titel, das würde den beiden gar nicht schmecken“, grübelte Jonny halblaut in die Fahrerkabine, während sich hinter ihnen lautes Hupen und Fluchen verselbstständigte.
Jonny drehte sich im Sitz um, und sah durch die Rückscheibe. „Nichts zu sehen.“ Er überlegte: „Vielleicht ein Motorradfahrer, der so dreist ist, sich durch die engen Gassen der Stau-gemeinschaft einen Weg zu bahnen.“ Er drehte sich wieder nach vorne. „Oder Irgendwer hat Ficken gesagt, und alle jubeln und freuen sich und grinsen verschämt wie kleine 16-jährige, und jetzt fluchen sie kollektiv und hupen, weil sie sich ertappt fühlen.“ Grinsend wollte er seine Theorie grade äußern, als Jonny ihm zuvor kam.
„Die Knarre würde ihnen nicht schmecken, Morty. Das würden die beiden als pervers empfinden, ganz bestimmt. Zumindest als geschmackslos.“
„Welche beiden?“, entgegenete Morty, aber Jonny ging nicht darauf ein:
„Fliegt da irgendwo 'n Lackstift rum? Wenn, dann - ach scheisse, weißt du was? Ich reiß das Titelblatt einfach raus.“ Er machte sich am Umschlag zu schaffen.
„Die Feder ist mächtiger als das Schwert“, besserwisserte Morty.
„Eben. Und Theo und Horki waren absolut pazifistisch unterwegs, du Pfeife“, sagte Jonny.
„Naja“, antwortete Morty: „So'n Buch kann schon irgendwie ne Waffe sein. Also, find ich.“ Pause. „Und sonst ist das Kunst“, kunstwissenschaftlerte Morty letztwortlerisch von der Seite. Er suchte den Tabakbeutel in den Tiefen seiner Hosentaschen.
Dann sagte keiner mehr was. Jonny versuchte vorsichtig – wirklich vorsichtig - die vordere Umschlagseite von dem kleinen Büchlein zu trennen, während Morty gedankenversunken zigaretten-drehend aus dem Seitenfenster starrte. Beide lauschten dem Plätschern des Regens, - und das Plätschern entspannte.
„Ey Jonny“, sagte Morty nach geraumer Zeit rauchend, und er blickte hinüber zum Fahrersitz. Der Freund war immer noch geduldig mit seiner Aufgabe beschäftigt.
„Ey Morty“, sagte Jonny ohne aufzublicken.
„Also, sich wegzuschmeißen, um sich zu behalten, da wollte ich ja grade eigentlich drauf hinaus, ne.“ Morty rückte sich im Sitz zurecht, bis er grade saß, und aschte ab.„Passt doch grade voll gut, hier mit dem Stau und so.“ Er sah Jonny erwartungsvoll an.
Keine Antwort.
„Ich mein, genau das machen wir ja grade hier, oder? Oder nicht?“
Jonny hielt inne und sah grinsend auf. „Pass auf.“, sagte er in die Rauchwolke, „Wenn der scheiss Stau hier endlich fertig is, fahren wir direkt die nächste raus, und dann stellen wir uns auf den erstbesten Parkplatz. Und dann - “
„Und dann schmeißen wir uns weg!“ fiel ihm Morty lachend ins Wort.
„Genau“, grinste Jonny, „und dann werfen wir uns weg.“
„Hmm. Warum nicht“, überlegte Morty gut gelaunt, „wir können den guten Whiskey auch einfach trinken, anstatt ihn zu verschenken.“
Jonny hatte das Deckblatt inzwischen säuberlich fast bis zur Hälfte vom Umschlag getrennt, aber er gab es auf. Seine Hände klebten vom klebrigen Zeug auf dem Umschlag, und seine Finger waren schwarz vom Lack der Luger auf dem Titel. „Hier.“ Er reichte das Büchlein weiter. „Pack die Knarre zurück ins Handschuhfach.“
Morty nahm das Buch entgegen – „Manchen Büchern sieht man ihre Geschichte eben an, ne.“ – öffnete die kleine Klappe und schob es zurück an seinen Platz. „Wenn der Stau durch is, fahr raus. Wir stehen und warten hier schon lange genug. Zu lange.“
„Locker weg“, entgegnete Jonny, und legte alle zehn Finger ans Lenkrad. „Wir wechseln einfach auf Godots Seite.“
„Wie meinst du das?“, fragte Morty.
„Wir warten nicht länger“, philosophierte Jonny, „wir kommen einfach nicht.“
„Ok“, sagte Morty, und er überlegte laut: „Da wo wir hinwollen, sitzen Wladi und Estragon auf jeden Fall grade und warten“.
Eine Glühbirne wie aus einem Comic schwebte leuchtend und von Gedankenstrichen umgeben durch die Kabine, bis sie zerplatzte. „Aber Becketts Godot kommt bestimmt nicht nicht, weil er im Stau steht.“
„Ey! Da vorne geht’s weiter!“, rief Jonny „Außerdem, das weißt du doch nicht. Aus Godots Sicht hat noch keiner die Story geschrieben. Schnall dich an, wir fahren!“
„Ich schnall mich nicht an“, lachte Morty, und er begann auf den Rücksitz zu krabbeln. „Ich such den Schnaps!“, und er lachte noch lauter, als er ihn fand, und wieder nach vorne kletterte, als Jonny das Auto in der langsam in Bewegung geratenen Karawane schon auf die richtige Spur steuerte, um die nächste Ausfahrt nicht zu verpassen. Jonny fuhr langsam, aber er fuhr, und er kurbelte mit der linken Hand das Fenster herunter, um die flache Hand noch einmal in den Regen zu halten.
„Angewandte Fortschrittskritik“, grinste Jonny.

„Hauptsache ne Luger im Handschuhfach“ sagte Morty, und er kurbelte ebenfalls das Fenster herunter, um sich die Tropfen auf die Hand fallen zu lassen.