29.08.2014

Hin - Das kleine Büchlein

Ich habe mir heute auf dem Flohmarkt vor dem Schönefelder- Rathaus ein kleines Büchlein von Hermann Hesse gekauft. Hermann Hesse ist so wie Frank Schätzing oder Charlotte Roche ein deutscher Kultautor. Jeder, der was von seiner Persönlichkeit halte, müsse Hermann Hesse im Regal stehen haben, erzählte mein Freund Achim, während wir uns, auf der Suche nach einem Second-Hand-Laden namens Siddharta, die Wienerstraße in Kreuzberg entlang bewegten. 
„Und um was geht’s da so?“, fragte ich. Auf seinem Loaded-Longboard, ein paar Meter vor mir langsam dahin gleitend sein Ethno-Style-Tanktop flatterte leicht im Fahrtwind drehte er seinen Kopf, warf mir einen verstörten Blick zu und bremste mit dem rechten Fuß abrupt  ab. Achim ist ein geübter Longboarder, der mit diesem Stück hellem Brett nun schon seit drei Monaten eine Art Symbiose vollzieht. Es ist zu einem Stück seiner Person geworden. Egal wo, egal wann, immer hat er es dabei. Mittlerweile kann er sogar schon richtig bremsen. Weder springt er aus Angst von dem Board, noch holpert er mit seinem rechten Fuß unkontrolliert über den Asphalt; nein, er setzt ihn behutsam auf den sich bewegenden Untergrund, legt sein gesamtes Gewicht in seine Zehen und schliddert so lange über den Boden bis er zum stehen kommt. Toll! 
„Diggi, was ist das denn für eine Frage?“, Achim verzog sein Gesicht. Ein Auge wurde größer als das andere. Er zog seinen Kopf leicht nach hinten. „Um was soll es da schon
gehen? Das ist Kunst. Ganz einfach Kunst. Da geht es um nichts. Das hat einen Zweck an sich.“ Daraufhin begann er zu lachen. Er lachte wie ein Filterkaffee, sogar ein wenig herablassend, wie ich fand. „Ach Diggi, du hast echt keine Ahnung von Literatur.“ 
Dann verschluckte die zufallende Tür des Veganer-Supermarktes, den wir währenddessen betreten hatten, Achims Worte. Um also diese Kulturlücke auszuloten, um diese ominöse Kunst an sich zu finden, habe ich dieses kleine Büchlein gekauft und von Anfang bis zum Ende aufmerksam gelesen. Schließlich kam mein Verstand ins Stocken und konnte mit dem, was Achim lauthals heraus posaunte so selbstsicher und -verständlich, nicht ganz übereinstimmen. Die Geschichten handelten nämlich doch von etwas. Ganz gewöhnlichen Dingen, vielen Dingen, die uns angingen. Ich fand wirklich sehr viel. In jedem einzelnen Satz. Aber egal welches Wort ich umdrehte, diese komische Kunst an sich war nirgends zu finden.

Sehr wahrscheinlich irrte ich einfach, hatte als ungeübter Leser irgendetwas übersehen. Ich habe ja schließlich wirklich nicht so viel Ahnung von Literatur wie Achim. Als wir ein paar Tage später bei einem hippen Junkie/Pillendealer in der Nähe vom Tempelhoferfeld im Wohnzimmer saßen, weil Achim sich für eine Drei-Tages-Party im Syphilis eindecken wollte und auf den hippen Junkie/Pillendealer, der in irgendeinem der vielen Räume verschwunden war, warteten, sagte ich zu Achim, dass ich Hesse gelesen hätte und mir nicht so sicher wäre, ob die Geschichten wirklich nur Kunst an sich sein. Da schüttelte Achim seinen Kopf ein paarmal langsam hin und her, während er die Augen geschlossen hielt und tätschelte ein paar mal auf meinen Oberschenkel.   
„Mensch Diggi,“ sprach er ruhig, „du musst ja auch den Subtext lesen. Die Worte die da stehen, spielen an sich überhaupt keine Rolle. Die sind scheißegal. Das kannste mir ruhig glauben. Das ist wie bei Tocotronic. Da macht das auch alles keinen Sinn. Alles im Subtext.“ Er zwinkerte mir vertrauensvoll zu. Ich starrte nachdenklich in unsere verschwommenen Gesichter, die sich im Fernseher spiegelten. Irgendwas in mir konnte sich mit dieser Antwort nicht zufrieden geben. Also hakte ich noch ein letztes Mal nach. Und zwar mit Nachdruck. „Bist du dir sicher?“ 
„Hundert Prozent!“ Wieder zwinkerte er. 
„Welche Bücher hast du überhaupt von Hesse gelesen?“, fragte ich. 
„Ach das ist schon so lange her. Weiß ich nicht mehr genau. Das, was da halt zu Hause bei mir rum liegt.“ 
Achims Blick schwirrte im Zimmer umher ohne einen Fixpunkt finden zu können, während seine Hände zusammengefaltet in seinem Schoß lagen. Erleichtert atmete er auf, als der Junkie/Pillendealer mit dem bunt gefüllten Zipper in den Raum kam. 
Als ich die Haustür hinter uns zu gezogen hatte und wir auf dem breiten Bürgersteig standen, fing Achim auf einmal, wie aus dem Nichts heraus, damit an, dass Bücher ja eh nicht mehr zeitgemäß wären. Man müsste sich nun mehr mit Filmen beschäftigen und außerdem sollte man öfters ins Theater gehen. Das könne ja die Kunst an sich so oder so am besten abbilden. Und so aktuell sei Hesse auch nicht mehr. Ich unterbrach ihn. 
„Aber gestern hast du doch… „ Er fällt mir ins Wort. „Ja gestern, gestern“, er rollte seine Augen, sein Gesicht hatte mittlerweile eine rötliche Farbe angenommen, während er auf sein Board stieg und ein paar Meter vorrollte, „das ist es doch eben. Gestern ist vorbei. Was gestern die Bücher waren sind heute die Filme.“ 

An sich hätte ich in dem Moment behauptet, Achim habe doch überhaupt keine Ahnung. Aber das kann nicht sein. Die Bücher stapeln sich zu Hause auf seinen Regalen, ganze Schränke quellen über. Er kennt sie alle. Er erwähnt sie jeden Tag: Hesse, Böll, Goethe, Brinkmann, Kerouac, Borroughs, Ginsberg, Fichte, Kracht, Stuckrad- Barre, Meinecke, Dostojewski, Tolstoi, Schiller, Wondratscheck, Bukowski, Nietzsche, Satre, Camus, Huxley, Boyle, Götz, Schiller, Heine, Wieland, Moritz, Benn, Grass, Fontane, Heym, Döblin, Bert Brecht (wir nennen ihn nur so, sagt Achim immer), Lenz, Arno Schmidt, Wolf, Jelinek, Faulkner, Schlink, Kaminer, Celan, Tellkamp, Juli Zeh, Darth, Kehlmann, Willemsen, Herrndorf (ruhe in Frieden), Moers, Sebald (der ist so ultra langweilig, sagt Achim immer) Stefan Zweig, Thomas, Heinrich und Golo (natürlich fast die ganze Mann-Familie versteht sich). Rygulla, Coello, Özdogan, Neumeister, Haas, Dürrenmatt, Frisch, Karl May, Novalis, Jean Paul, Homer, Xenophanes, Aischylos, Sallust, Droste-Hüllshoff, Hoffmannswaldau, Poe, Agatha Christie, Joanne K. Rowling, Tolkin, Schätzing, Flaubert, Schlegel, Büchner, Borchert, Lessing, Jacobi, Hoffmann. Er kann sie alle nennen. Alle. Kästner, Kafka, Keller, King, Link, Marquez, Neruda, Miller, Miller, Ovid, Puschkin und Proust, Murakami, Lindgren, Shakespeare, Austin, Dickens, Mark Twain, Wilde, Stevenson, Orwell, Hemingway, Conan Doyle, Tucholsky und Ringelnatz, Woolf, Albee, Hugo, Salinger, de Beauvoir, Nabokov, Celine, Tschechow, Storm, Irving, Roche, Hegemann, Rilke, Joyce, Pratchett, Beckett, Balzac, Foster Wallace, Auster, Melville, Cicero, Stendhal, Djian, Pushkin, Wilder, Zafon, Milton, Bergson, Plato, Mouliere, Vagas, Crane, Eliot, die Fitzgeralds, Theroux, Sinclair, Defoe, Arndt, Opitz, Chamisso, Walther, Hartmann, Preußler, Gleim, Hebel, Gryphius, Kaiser Heinrich, Herder, Hoffmann von Fallersleben, Hofmannsthal. Jandl, Klopstock, Kunert, Biermann, Mehring, Sachs, Kurth, Walser, Zuckmayer, Ambesser, Bernhard, Enzensberger, Gottsched, Handke, Hebbel, Plenzdorf, Rühmkorf, Schnitzler. Brett! Easton! Ellis! Alle stehen sie sauber aufgereiht in seiner Wohnung. 
Manchmal frage ich mich, woher er sich die Zeit nimmt, diese ganzen Autoren zu lesen. Abends hängt er meistens in irgendwelchen Bars oder Clubs rum, bis nachmittags braucht er in der Regel um auszunüchtern, und den Rest des Tages arbeitet er als Springbock für einen Lohn, der eindeutig gegen jegliche internationale Menschenrechtsabkommen verstößt, bei einer aufstrebenden kleinen Werbeagentur in Friedrichshain. Er muss ein Genie sein, eine Genius des Zeitmanagements. Manchmal zweifel ich an seinem Wissen, aber dann schaue ich ihn mir genau an: Seine runde braune Brille, den ungepflegten Bart, die langen braunen Haare mit den spröden Spitzen, meistens eine alte Seemannsmütze darüber, die abgewetzten Nikes oder Adidas vom Flohmarkt oder aus dem Second-Hand- Laden, und dann denke ich mir: Nein, der weiß wovon er redet. Er ist ja selber einer dieser intellektuellen Mid-Zwanziger. Künstler ist er schließlich auch. Er photographiert. Nein, es gibt keinen Zweifel: Achim weiß Bescheid. Da kann ich mir ganz sicher sein. 
Morgen machen wir bei ihm einen New-Art-DVD-Abend. Ich freue mich schon. Mal schauen, was ich wieder alles lernen kann, denn von Achim kann man wirklich viel lernen. Gut, dass ich ihn als Freund habe.