29.08.2014

Hin - Der Seemann

Der Sand weiter oben lag still. Die Wellen, wenn man überhaupt davon reden konnte, schoben sich an einer anderen Stelle rauschend über ihn. Dort lag der Sand nicht mehr still. Aber weiter oben, da bewegte sich kein Stück. Kein einziges Sandkorn.
Doch ganz plötzlich wölbten sich einige von ihnen. Sie schoben sich an einer winzigen Stelle leicht nach oben und ein kleiner, runder, dunkler Kopf kam hervor. Blind schaute er nach vorne in den Horizont, der erst ein schmaler leuchtender Schlitz war. Er schob sich ein Stück nach vorne und zog zwei kleine schmale Flossen hinterher mit deren Hilfe, sich abstützend, der Rest des Körpers aus dem kalten Sand hervorgehoben wurde. Ein schwarzer runder Panzer und ein kleiner leicht nach oben gebogener, spitz zu gehender Schwanz kamen zum Vorschein. Über diesem winzigen Körper, der langsam Richtung Wasser schreitend, seine vorderen Gliedmaßen intuitiv auf und ab schlug, zogen die ersten weißen Ungeheuer ihre Kreise.
Eine runde flackernde, blutorange Wölbung kam am Horizont langsam hervor. Der Seemann hievte indes seinen Kahn Richtung Wasser und sah das kleine Geschöpf an seiner Seite. Verschlafen blinzelte er es an. Früher gab es kein verschlafenes Blinzeln. Nur eine Verschiebung von der Senkrechten in die Waagerechte und der Gang Richtung Meer. Aber nun war er älter geworden. Alt um genau zu sagen.
Mühsam schob das kleine Geschöpf Flosse für Flosse nach vorne. Rechts, links. Rechts, links. Ab und an schüttelte es ganz eben den winzigen Kopf. Immer noch hatte es die Augen nicht geöffnet. So sah es zumindest aus. Vom Himmel schoss ganz plötzlich eine Möwe direkt auf die winzige Schildkröte zu. Doch der Seemann warf einen Stein gegen das hinab fallende Federvieh, traf sie direkt am Kopf, wodurch sie schreckhaft wieder nach oben fuhr. Es ist zu gefährlich für das kleine Wesen, dachte er sich, als die Sonne schon fast ganz aufgegangen war und zu drei Vierteln über dem Ozean lag. Er überlegte. Sollte er Gott spielen oder der Natur ihren Lauf lassen, aber dann sah er seine Anstrengungen. Wie das kleine Wesen die rechte und die linke Flosse nach vorne schob und mit ihnen den Sand hinter sich drängte, wodurch es sich fortbewegen konnte. 
Auch wenn, dachte er, im Meer würde sie in Kürze sehr wahrscheinlich von einem größeren Fisch gefressen werden. Auch wenn ich es täte, hätte es zu hoher Wahrscheinlichkeit keine große Auswirkung auf die Dauer ihres Lebens. Es war ganz alleine. Das Schildkrötenkind störte sich nicht an den Gedanken des bärtigen alten Mannes und bewegte sich Stück für Stück Richtung Wasser. Der Sand unter ihrem, sich nach vorne schiebendem Panzer, war schon härter und feuchter geworden. Die schäumende Gischt, die sie in den Ozean trug nicht mehr weit. Der Seemann wunderte sich über die Geschwindigkeit, mit der sich die Schildkörte bewegte, wirkte sie doch sehr mühsam und langsam. Doch gemessen an der Dauer, von seinem ersten Realisieren dieses Geschöpfes bis zu diesem Zeitpunkt, hatte es  eine beachtliche Strecke zurückgelegt. Ich muss überhaupt nicht mehr helfen, sah er ein, der sich über seinen Zwiespalt wunderte, war er doch ein alter Seemann, der schon unzählbare Male dieses Schauspiel miterleben durfte. Jedoch waren in der Vergangenheit, was ihn sehr wunderte, stets mehrere kleine schwarze Panzerträger, nicht nur eines, wie zu diesem Zeitpunkt.
Plötzlich bewegte sich sein Kahn, unter den sich schon das Wasser geschoben hatte ein Stück nach vorne, ohne, dass er es veranlasst hatte, und sein Blick schwenkte sich von der Schildkröte lösend zur Seite, Richtung Boot, welches er daraufhin mit nach vorne greifenden Armen wieder zurück zog, sodass die Wellen es nicht mehr hinfort tragen konnten. 
Es war nur ein Bruchteil einer Sekunde, in welcher er die heran nahende Problematik im Keim erstickte. Als er aber wieder seine Aufmerksamkeit auf die Schildkröte richten wollte, war sie ganz plötzlich nicht mehr zu sehen.
Seine Augen wippten nervös hin und her. Lokalisierten in Windeseile jeden einzelnen Punkt in seinem Blickfeld, maßen die Distanz zwischen der Gischt und dem Punkt, an dem sich die Schildkröte befand, als er seinen Blick von ihr ließ und stellten entsetzt fest, dass es nicht ausreichen konnte, schon das schäumende Wasser erreicht zu haben. Noch einige Momente schaute er von rechts nach links, von links nach rechts, von oben nach unten, doch nichts war zu sehen. Nur der stille Sand. Er hatte sie alleine gelassen. Das kleine Schicksal hilflos den Gefahren ausgesetzt, obwohl er doch die Macht hatte, alles zu einem guten Ende führen zu können. Ein schweres unangenehmes Gewicht legte sich auf sein Gewissen. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal überhaupt Schuldgefühle hatte. Sein Gesicht zitterte. Er spürte wie sich die salzigen Tränen auf seine Netzhaut legten und hinab über die braungebrannten, faltigen Wangen kullerten und im weißen langen Bart verschwanden.
Doch dann, im nächsten Augenblick, schob sich vor ihm etwas winzig Schwarzes aus dem Sand. Es war nicht größer als das Blatt einer Birke und mindestens genau so dünn. Eine Flosse! Sie stützte sich auf der beigen Oberfläche ab und nach wenigen Momenten kam der kleine zierliche runde Körper wieder zum Vorschein. Die Trauer des Seemannes schlug in Erleichterung um. Die Tränen blieben. Allerdings aus Freude. Er hätte sie in diesem Moment packen und umarmen können. So froh war er, dass sie noch lebte. Sonnenstrahlen brachten den schwarzen Panzer zum Glänzen. Der Sand unter ihr schimmerte wie kleine leuchtende Diamanten. Gleich hatte sie es geschafft und das ohne sein Dazu tun. Er war so unglaublich stolz auf sie. Nur noch wenige Meter! Ach was, dachte der Seemann, nicht mal mehr! Zentimeter waren es! Höchstens siebzig! 
Flossenschlag um Flossenschlag kam sie ihrem Ziel näher und näher. „ Komm schon!“, hörte man den Seemann rufen, der starr und mit zu Fäusten geballten Händen, das kleine so unfassbar kraftvolle und eigenständige Wesen anfeuerte. Ja, da, die  Welle könnte es sein. Da, ja da! Der weiße Schaum berührte schon die Spitze ihrer Nase, ja!
Aber es blieb lediglich bei einer Berührung. Weder die Welle, noch die Schildkröte schafften es sich aneinander festzuhalten. Allerdings war es  nur noch eine Frage von Sekunden, bis das Meer sie mit sich nehmen sollte. Dessen war sich der Seemann sicher. Es war so sicher wie das Amen in der Kirche, dachte er. Doch dann geschah auf einmal etwas Unfassbares.
Die Schildkröte stellte ihre Bewegungen ein, drehte ihren Kopf leicht nach rechts in die Richtung des Seemanns. Dann nach links. Sie sah aus als würde sie überlegen. Als würde sie abwägen, als würde ihr der Plan, den die Natur mit ihr vorhatte doch nicht so gefallen. Und dann hatte sie sich auf einmal entschieden. Sie drehte um. Langsam schaufelte sie nur ihre linke Flosse in den Sand und drückte sie nach hinten bis sie sich einmal um 180 Grad gedreht hatte und dann fingen die abwechselnden Flossenbewegungen wieder an. Rechts, links, rechts, links und sie machte sich auf den Weg zurück. Geradewegs auf die Sandhöhle zu, in der sie geboren wurde. Der Seemann schüttelte mit dem Kopf und verstand in diesem Augenblick weder Himmel, noch Hölle. Jetzt musste er doch etwas tu? Er kratzte sich am Kopf, während sich der kleine Panzer weiter vom rettenden Wasser entfernte.
Nun stand der Seemann unter Druck. Er hatte mehrere Gedanken zu bewältigen. Sollte er handeln? Sich einmischen? Klar war, dass dieses Verhalten ihrerseits auch nicht unbedingt der Natur eines Schildkrötenbabys entsprach. Gleichzeitig war es aber auch fast schon zu hell für seine Fischerei. Eigentlich hätte er schon längst auf dem Meer sein müssen, um nach dem Fisch zu angeln, den er so gerne aß. Jener war nämlich nur für eine kurze Zeit des Tages, am ganz frühen Morgen, an der Oberfläche, um selbst zu speisen. Den Rest seines Lebens verbrachte er viel zu tief im Meer. Aber dann fiel dem Seemann auf, dass er überhaupt keinen Hunger hatte, weswegen dieses Problem relativ schnell ad acta gelegt werden konnte.
Indes er seine Gedanken abwog, vergaß er es allerdings nicht, permanent über den Zustand der Schildkröte zu wachen, die es mittlerweile schon ein beachtliches Stück nach oben geschafft hatte. Er befand sich in einem Dilemma. Darum sah er keinen anderen Ausweg, als den Zufall entscheiden zu lassen. 
Mit seiner rechten Hand kramte er in der Hosentasche seiner blauen abgeschnittenen Jeanshose nach einer Münze, die er immer dabei hatte. Es war eine alte schwere Münze, die er für solche Entscheidungen mit sich trug. Die ihn aber auch bisher sehr viel Glück gebracht hatte, so wie er meinte, obwohl der alte Seemann nicht abergläubisch war, weil er schon so viel erlebt hatte. Er legte sie auf seinen Daumen und Zeigefinger und gerade als er in Begriff war sie in den wolkenlosen, azurblauen Morgenhimmel zu schnipsen krachte eine Möwe wie ein grauweißer Blitz gen Strand, wie ein gezielter Pfeil auf den kleinen Punkt zu und traf direkt ins schwarze. Genau so schnell schoss sie wieder nach oben. Der Seemann schluckte, nahm all seine Konzentration zusammen, schluckte noch einmal und schmetterte die schwere Münze durch die Luft, welche die Möwe hart am rechten Flügel traf, worauf sie vor Schmerz den Schnabel weit auf riss, so dass die kleine Schildkröte heraus fiel und sich in der Luft drehend Richtung Sand bewegte. Der Seemann rannte los, schaute nach oben. Ging leicht nach rechts, dann nach links. Er versuchte sich zu postieren. Streckte seine beiden Arme nach oben, spreizte seine Hände und fing die Schildkörte sanft auf.
Nun lag es im wahrsten Wortsinn in seinen Händen, die er sich kaum zu öffnen traute. Es dauerte einige Sekunden bis sein ganzer Mut sich in ihm zusammengefunden hatte. Er schob die obere Hand vor sich zu Seite. Sein Gesicht war angespannt, sein ganzer Kopf leicht nach hinten geneigt. Sein Nacken steif vor Aufregung. Kurz schloss er seine Augen. Und als er sie wieder öffnete sah er sie leicht strampeln. Schon wieder, dachte er, dieses Teufelsweib!
Er begutachtete sie an allen Stellen so genau und sorgfältig wie es ging. Und was ein Glück: Sie war komplett unversehrt.
Jetzt reichte es dem Seemann langsam. Dann hat sie halt Glück gehabt, dachte er sich. Wie häufig wird sie, sollte sie überleben, noch dem Zufall begegnen, ohne, dass sie es selber merkt. Er hatte genug und keine Lust an diesem Tage an einem Herzinfarkt zu krepieren.
Von einer plötzlichen Überschwänglichkeit gepackt, zog der Seemann sich plötzlich bis auf die Unterhose aus und rannte mit der Schildkröte in beiden Händen Richtung Ozean. Er ging ein paar Schritte ins Wasser, bis die kalten Wellen seine Kniekehlen kitzelten. Dann ließ er seine beiden Hände ins Wasser, öffnete den Raum, den er extra für sie geformt hatte und schob sie ein Stück nach vorne. Er spürte die kleinen Bewegungen der Flossen, wie sie zu strampeln anfingen, er sah den kleinen runden Panzer, der sich durch die Bewegungen der Oberfläche leicht verzerrte und er verabschiedete sich von dem kleinen Querdenker, dem er in den letzten Momenten sei Leben zu verdanken hatte. Eine Weile blieb der Seemann noch so stehen. Gedankenversunken nach vorne blickend. Er bewegte sich nicht, sah so aus als würde er dazu gehören. Ein symbiotischer Bestandteil des großen weiten Ozeans.

Oben stand die Sonne. Ganz rund, und keine Wolken. Das Meer, es rauschte. Alles war wie jeden Tag. Nur der Seemann nicht.