29.08.2014

Hin - Weltraum

Ich betrank mich das erste Mal außerhalb meines Elternhauses, in einer Kneipe namens Weltraum. Warum das Ding so hieße, habe ich meinen Kollegen Matze gefragt, der, obwohl etwas jünger als ich, schon tausendmal in irgendwelchen Bars gesoffen hatte. Er konnte es mir nicht sagen. Matze war geistig nicht gerade das, was man einen durchschnittlich begabten Jugendlichen nannte. Aber dafür konnte man sich mit ihm amüsieren und er sah alt aus. Mindestens wie 18. Ich dagegen war schmal und sah mindestens zwei Jahre jünger aus, als es dem offiziellen Alter auf meinem Personalausweis entsprach. In den Supermärkten habe ich nie was zu trinken bekommen. Ich musste immer fünf Kilometer mit dem Rad fahren, um zu einem überteuerten Kiosk zu gelangen, an dem ich überteuertes Dosenbier kaufen konnte. Der Kiosk lag recht abgelegen auf einer Straße, zwischen einigen Feldern, was wahrscheinlich der Grund war.  Glücklicherweise hatte ich Matze und Matze war mindestens genau so ein Säuferkind wie ich. Darum musste ich nur sehr selten die fünf Kilometer auf mich nehmen.
Der Weltraum war damals für mich wirklich so etwas wie ein neues Universum. Ich betrat eine neue Welt, eine Welt, deren Mythen ich nur aus Bukowski- Romanen kannte, die ich damals gelesen hatte. In meiner Vorstellung saßen drei fertige Typen an der Bar. Sie waren cool. Richtig coole Typen, die stundenlang saufen konnten ohne vom Hocker zu fallen. Sie trugen dunkle Sonnenbrillen und schrieben in der anderen Zeit Short Stories über die Geschichten, die sie in der Kneipe erlebten. Ich weiß noch, dass ich zu dieser Zeit auch meine erste Kurzgeschichte geschrieben hatte. Es ging um einen dreckigen Säufer, der nichts mehr im Kühlschrank hatte und weil er vergessen hatte, dass es Sonntag war - er hatte sich einfach um die Zeit getrunken - fuhr er in die Stadt. Doch alle Läden waren geschlossen. Nicht mal was zu saufen konnte er sich klar machen. Eine traurige Welt, die ich da konstruierte, in der es nicht mal Trinkhallen gab oder Tankstellen, die sonntags geöffnet hatten. Der Mann war verzweifelt. Was für eine beschissene Welt, in der ich lebe, sagte er sich immer wieder, dabei war er es ja schließlich, der an seinem Schicksal Schuld war. Nicht der Raum um ihn herum und ganz bestimmt nicht die Welt.
Während er sich in seinem Auto sitzend so selbst bemitleidete, berührte plötzlich etwas ganz eben seine Nasenspitze, er musste niesen und nachdem er seine Augen wieder öffnen konnte, sah er plötzlich einige grün bis hellbraune Federn, die sich seitlich an der Fahrertür vorbei bewegten. Große Federn, stolz und glänzend. Es war das Rad eines dicken fetten Pfaus. Ein dicker fetter, blauer Pfau. Er nahm die Luger aus dem Handschuhfach, entsicherte und schoss ihm geradewegs in sein Arschloch. Der Pfau fiel tot zur Seite, das Rad klappte sich ein und er, er hatte seinen Sonntagsbraten. Leider kam er nicht mehr dazu dieses Ding zu schlachten.
Gerade als er zu Hause angekommen war und den Pfau zum Ausbluten in den Garten gehängt hatte, klingelte es an der Tür. Der Mann lief verschwitzt und voller Blut im ganzen Gesicht und an den Händen  wieder zurück ins Haus um sie zu öffnen. Ein guter Freund stand plötzlich auf der Matte. In der Hand eine Flasche Whisky. Er hatte eine junge Frau bei sich, die anfing wie wild zu schreien als sie das ganze Blut sah und dann wie eine Bekloppte zurück auf die Straße rannte, wo sie frontal von einem Bus erfasst wurde. Was für eine schlimme Welt war das,  die ich da konstruierte, in der Tanken und Trinkhallen am Sonntag geschlossen waren, dafür aber Omnibusse mit hundert Sachen über den Asphalt rauschten. Den ganzen Tag verbrachten die beiden mit der Polizei. Dazu musste er seinen Freund aufmuntern, der in diese Frau schon ziemlich verliebt war. Am Abend, als eigentlich nichts vorbei war, tranken sie den Whisky und draußen vergammelte der schöne Pfau, während das Blut an seinen Händen  trocknete und im Garten in den staubigen Boden einzog. Warum hatte ich das erwähnt? Achja, meine erste Geschichte. Anyway, auf jeden Fall dachte ich, solche Typen hängen da ab an der Bar, schweigen sich an und hauen ab und an mal nen epischen Satz raus. Aber als wir dann drin waren, war natürlich alles ganz anders. Überall alte Opas mit einem Herrengedeck, die überhaupt nichts cooles erzählten und über ihre eigenen Witze lachten. Neben diesen eingefallenen Rentnersäcken kam ich mir noch jünger vor. Bier bekamen wir trotzdem. Matze war ja schließlich dabei. Einer nach dem anderen fiel mit der Zeit von den Hockern. Es roch nach Verwesung. Die Opas vegetierten vor sich hin. Und wir blieben bis zum Ende übrig und unterhielten uns über die Mädchen aus unserer Klasse. Ich hätte gerne mit Matze über Bukowski geredet. Matze kannte Bukowski leider nicht, aber er kannte die Mädels aus unserer Klasse und die aus den Parallelklassen und sogar ein paar aus der Stufe über uns. Was der für Geschichte erzählte. Heute weiß ich, dass das alles gelogen war.
Um fünf Uhr wurden wir rausgeschmissen und kotzten in den frischen Schnee vor die Kneipe. Bevor wir uns auf den Weg nach Hause machten, schaute ich nochmal in den dunklen Himmel. Dort, wo ich wohnte, waren noch Sterne, weil es keine Großstadtlichter gab und nicht diesen nervigen Smog. Ich musterte die hellen Sterne, starrte sie richtig an. Sie sollten wissen, dass ich ihnen nicht mehr über den Weg traute, sie sollten wissen, dass ich wusste was los war. Das sie nicht die waren, die sie uns vorgaben zu sein.
„Das sind doch alles beschissene Mythen!“, sagte ich zu Matze, während wir besoffen, die verlassene Landstraße durch den Schnee stapften. „Die gibt es doch gar nicht so, wie das in den Geschichten und Filmen gesagt wird. Der Weltraum sieht doch in Wirklichkeit ganz anders aus. Wie in dieser lahmen Kneipe! Bukowski hat sich das doch alles ausgedacht, weil alles in Wirklichkeit so langweilig ist.“
„ Was laberst du?“
Matze hatte eine so unglaublich lange Leitung, was ich ab und an vergaß, gerade natürlich dann, wenn ich besoffen war.
„ Ach nichts. Komm erzähl mir doch nochmal die Geschichte von Sabrina.“
Zu Hause angekommen schrieb ich noch ein wenig an meiner Kurzgeschichte über den toten Pfau weiter und hörte ein paar Lieder von Blumenfeld, was damals noch keiner wissen durfte. Ich war ja ein cooler Typ. Ich trank in Kneipen namens Weltraum. Da saßen drei schräge Typen an dem verlassenen Tresen. Drei schräge Typen, die mit einem Fünfzehnjährigen soffen und epische Sätze raus hauten. Man war ich ein cooler Typ.