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Kaffeesatz


Sie liest die Hand und über das was ihm blüht in einem Kaffeesatz
legt Karten - Analyse mit 'nem Blatt was keine Asse hat
Die große Kugel spiegelt formverzogen sein Gesicht
Er denkt an Escher - still:
Die Alte ruht minutenlang in sich

Ihre Mimik springt - während sie den Traum kartographiert
öffnet er draußen ein Bier - er mag es unkompliziert
Melancholische Gedanken kann man im Winter ad acta legen
Schwarz sehen - still:
Schnee ist auch nicht mehr als kalter Regen


Fahles Licht der Straßenlampe färbt den Ort gespenstisch
so viele Stimmen in ihm sprechen - alle unverständlich
nur ein Spaziergang - eine leise Reise durch die Nacht
durch all den Rest Realität hin zu 'nem Ort in seinem Kopf

Und wenn die Welt nicht will, liegt's an ihm – Ritalin, Phantasien
Stets was tun, noch ein letztes mal vor der Antwort fliehen
Große Leinwand – Märchen & Weltuntergangsszenarien
Im Zelt die Alte wartet, still:
Nur noch eine Karte ziehen

Er muss zurück zum Wahrsage-Zelt, er sagt zu sich selbst
Er braucht Klarheit und bei ihr gibt es Wahrheit für Geld
Es mag nicht stimmen, was sie sagt – doch ist es letztlich scheissegal
Stille – und sie beginnt mit:
“Es war einmal ...”


Roman Kurth


Stunde Null


Die Sonne war vor einigen Stunden aufgegangen. Behangen mit einem unangenehmen, sauren Dunst, befand sie sich fast am Zenit ihrer alltäglichen Reise, obwohl man das Gefühl hätte haben können, sie würde in den nächsten Momenten untergehen. So dicht war der dunkle, saure Dunst, der sie umgab und so schwarz war der Schweif, den sie hinter sich herzog.

Als das hallende, dumpfe Donnern begann, sah  eigentlich alles aus wie immer. Die Felder lagen verschlafen da, wie immer, und zwischen ihnen zogen sich die kleinen Bäche entlang um sie zu begrenzen. Die Tiere standen, wie immer, auf der Weide grasten oder starrten stumpf vor die Holzpfosten, die die Zäune hielten. Sie schlugen mit ihren Schwänzen die vielen Fliegen in die Flucht. Rauch strömte aus den roten Schornsteinen der alten Fachwerkhäuser. Vor den Kaminen saßen jedoch keine Menschen mehr. Alle Häuser waren verlassen. Heiße Töpfe standen noch auf den Kachelöfen in der Küche. Hier und da war ein Tisch halb gedeckt. Türen standen offen. Eine schauderhafte Stille lag über allem. Aber ansonsten sah alles aus wie immer als das stählerne Donnern begann.

Zu dieser Zeit befanden sich zwei Männer ein Stück unter der Erde, unter einer meterdicken Betonschicht. Ein enger Raum mit feuchten kahlen und kalten Wänden. Kalkfarbende Gesichter starrten still in die leere, feuchte Luft des schmalen Raumes. Eine Lampe, länglich, waagerecht an einer der Wände befestigt zitterte unruhig, sehr verängstigt ein und aus. Noch sechs Stunden bis zur Stunde null, sagte der eine Mann ganz monoton und brach so ein kurzes Stück Stille auf. Wie viel Uhr ist es denn, fragte eine Frau, die neben ihm saß. Sie trug ein blutverschmiertes, in Fetzen gerissenes Kleid. Das Gesicht war nass. Ihre Wangen glühten rot. Es müsste jetzt so ungefähr gegen sechs sein, schätzte der Mann. Auf seiner Nase saß eine runde Brille. Ein schmales, verbogenes Metallgestell mit dicken verkratzten Gläsern. In den Händen hielt er einen Schreibblock mit lederndem Einband. Er begann etwas hinein zu kritzeln. Doch dann rutschte der Bleistift in der dritten Zeile, gerade als er eine Farbe aufschreiben wollte, ruckartig ab und die Decke über ihn verlor einige Partikel, die wie Staub auf den Boden fielen. Ein kleines Kind vergrub seinen Kopf in dem Schoß einer Frau, die dem Mann gegenüber saß und presste seine kleinen Finger, die höchstens fünf Jahre alt waren, in ihre Oberschenkel. Der andere Mann begann daraufhin ein Kinderlied anzustimmen. Ein lustiges, das er aus seiner eigenen Jugend kannte. Und das Kind, was ein Glück, kannte es ebenfalls, und stimmte mit ein, nachdem es sich aus dem Schoß der Mutter gelöst hatte. Die anderen, die auf den Holzbänken saßen, die an den Wänden montiert waren und auf dem Boden im Staub, von welchem mehr und mehr, ab und an, in kleinen Schauern von der Decke rieselte stimmten ebenfalls mit ein. So ging die erste Stunde vorbei und als die zweite Stunde begann, da wurden die Abstände zwischen den donnernden, heulenden Geräuschen und den kurzen staubigen Schneefällen immer geringer. Sie sind jetzt fast genau über uns sagte der Mann mit dem in Leder gebundenem Büchlein. Nun zitterte das lange Lämpchen an der Wand nicht mehr so schnell. Es war vielmehr der Schlag eines schwachen Herzens. Die Momente, in denen es aufglimmte, wurden zu Augenschlägen und die schweigende Dunkelheit war wie ein Schauer, der sich über den Nacken der Anwesenden zog, die währenddessen auf ein Aufglimmen hofften und daher auf die Röhre starrten. Und als der andere Mann das sah, fing er auch an zu singen, so dass die anderen die Dunkelheit nicht mehr hören konnten.
Mit dem schönen Gesang verging auch die zweite Stunde und die dritte brach an, ohne dass man es merkte.
Mama, meinst du, die Sonne fällt bald auf die Erde, fragte ein kleines Mädchen seine Mutter irgendwann. Der eine Mann, der dies vernahm, schrieb die Worte schnell auf. Dann, im kurzen Aufglimmen, tauschte er mit dem anderen Mann einen Blick aus. Der eine Mann stand daraufhin auf, ging in die Mitte des Raumes in die Hocke, nahm ein Streichholz aus seiner Tasche und malte ein Haus in den Staub. Es war ein mehrstöckiges Haus. Weil es schwer war in den weichen Staub zu zeichnen, beschränkte er sich auf das Wesentliche. Er zeichnete insgesamt vier Stockwerke und im dritten Stock malte er einen Kreis um das zweite Fenster von links. Da hab ich gewohnt, sagte er. Und dann fing er an eine Geschichte zu erzählen und weil er nicht wusste, wie lange ihnen noch blieb, ließ er auch in der Geschichte unwichtiges weg. Trotz alle dem war es für alle eine gute Geschichte, denn sie hörten eifrig zu und mussten gegen Ende lachen, weil seine Geschichte auch ein wenig lustig war. Und wo habt ihr gewohnt fragte er dann und gab das Streichholz an eine Frau, die daraufhin anfing einige Linien in den Staub zu zeichnen. Auch das schrieb der andere Mann in sein Buch. Ganz so, wie es vorgefallen war und wie es erzählt wurde. Ohne Umschweife. Als die dritte in die vierte Stunde überging verstummte das Licht ganz und gar und es war alles schwarz. Doch nach wenigen Sekunden wurde alles auf einmal grau und man konnte die Umrisse der anderen Personen sehen. Und es wurde auch mit einem mal sehr kalt. Darum nahm der Mann mit dem Block einen Beutel, der vor seinen Beinen stand und leerte ihn aus. Ein polterndes dumpfes Geräusch erklang. Insgesamt waren es zehn Bücher, die aus der Tasche auf den Boden plumpsten. Zwei nahm er zur Seite und steckte sie zurück in den Leinenbeutel. Es waren zwei recht dünne Bände, höchstens hundert Seiten. Auf den Deckeln war nicht viel zu sehen. Der eine war schwarz, soweit man mir glauben kann, der andere hingegen gräulich, vielleicht mit einem Stich ins Weiße. Auf dem einen waren die Konturen einer Geranie abgezeichnet. Auf dem anderen ein leerer Treppenabsatz vor einer Tür.
Die restlichen Bücher waren wesentlich dicker und trugen verzierte Gewänder. Berühmte Namen in alter Schrift waren auf ihre Gesichter geschrieben. Der Mann rieb sich die Hände und hauchte in die Luft. Man konnte seinen Atem sehen. Darum wusste er: Es war Zeit. Er nahm die Zündhölzer aus der Tasche seines abgewetzten Manchestermantels, strich mit einem über den braunen, dünnen Schmirgelpapierrand und hielt das entzündete unter eines der Bücher, welches er mit der anderen Hand hochgehoben hatte. Es war alt und verstaubt und darum dauerte es nicht lange bis die Flamme auf eine der vielen Seiten überging und dann langsam über die nächsten wanderte bis das warme, helle Feuer fast das gesamte Buch eingenommen hatte. Er wartete ein wenig. Die Flamme war ausgesprochen hoch. Sie sah aus, wie ein Feuergeist. Dann verfolgte er den Rauch, der in eine Ecke wanderte und fast unmerklich in einem dünnen Schacht verschwand. Die oranggelbblauen Flammen erhellten fast den ganzen Raum und die Augen der Menschen, die allesamt auf das Feuer starrten, fingen an zu glänzen. Eines der kleinen Kinder, welches aber eben so groß war, dass es schon ein wenig lesen konnte, krabbelte von Neugier getrieben der Flamme entgegen und begutachtete die silber schimmernde Innschrift des Buchrandes. Goethe, las das kleine Kind. Ist da ein Goethe drin, fragte das kleine Kind den Mann. Der Mann setzte ein leichtes Grinsen auf und entgegnete: Keine Angst, der hat sich schon in Luft aufgelöst und ist aus dem Schacht nach draußen geflogen. Mit seinem Kopf deutete er auf das hohle Rechteck in der Ecke. Und dann erhob das kleine Kind seine Arme, drückte seine patschigen Hände gegen den Kopf und sagte: Oh nein, da draußen ist es doch gefährlich.
Na, da brauchst du dir keine Sorgen machen. Dem passiert nichts. Der verschwindet einfach. Das da draußen kann ihm nichts anhaben.
Verschwindet er so, wie ich? Das kleine Kind ließ ihm keine Ruhe. Aber wie verschwindest du denn? Na, morgens, wenn ich aus meinen Träumen aufwache. Dann verschwindet alles auf einmal. Und ich liege in meinem Bett. Auch ich bin dann verschwunden. Dann bin ich aber wieder da. Zum Glück. In meinem Bett.
Erwartungsvoll wurde er von den großen, glänzenden Augen des Kindes angeschaut.
Ja, ungefähr so, antwortete der Mann.
Die dicken Bücher gaben den Menschen zwischen den dicken Wänden viel Wärme und Licht. Es wurde ihnen fast beschaulich und wohlig zu Mute, wie sie dort saßen. Sie malten Bilder in den Staub und erzählten sich Geschichten. Stunde um Stunde verschwand ein altes Buch in den Flammen. Erst Schiller, dann Wieland. Darauf folgte Moritz und zu guter Letzt noch ein Band mit dem Namen Ästhetik der Poetik. Und am Ende, nachdem das letzte Buch verbrannt war, und das Donnern über ihnen, trotz der Worte und der Aufmerksamkeit, die sie sich gaben, nicht mehr auszuhalten war und sich aus diesem Grunde ein Kind die Ohren abreißen wollte, wurde es plötzlich still. Einige Sekunden, ganz still. So still, dass auch sie von der Stille eingenommen wurden. Ein Augenblick. Und dann plötzlich blies ein ungemütlicher Wind durch den Schacht und blies das Feuer aus. Kurz war es wieder dunkel, aber nicht sehr lange, denn ein bunter Strahl schob sich ebenfalls durch den Schacht.
Ist es vorbei, fragte eine Frau, einen der beiden Männer, ich habe keine Ahnung, ob es vorbei ist.
Junge Frau, es hat gerade erst begonnen, antwortete der Eine.
Aber das Donnern hat doch aufgehört, warf eine andere ein.
Jaja, es muss vorbei sein, fügte ein Herr in Unterhemd, bedeckt mit einer schwarzen dreckigen Kappe hinzu. Der eine Mann wollte gerade etwas entgegnen, da hielt ihn der andere am Ärmel und sagte: Lass ab, mein Freund. Sie werden es nicht verstehen.
Dann wandte er sich den anderen zu und sagte: Mein Freunde, er hat sich geirrt. Es ist vorbei. Wir können wieder raus. Daraufhin strömte die ganze Meute Richtung der schweren Stahltür und als sie sie öffneten wurden sie von tausend verschiedenen bunten Lichtern bestrahlt. Ihre Augen glänzten stärker, jedoch sehr anders, als vor dem Feuer. Überall ragten hunderte von Metern hohe Häuser in die Höhe. Genau vor ihnen zierte eine riesige Leinwand die Seitenfläche eines Hauses. Kurze Bilder schnitten sich gegenseitig ab. Lachende Frauen. Männer vor einem Auto. Eiscreme. Freizeitschuhe waren darauf zu sehen. Computer, Handy, Apple. So viele Möglichkeiten. Menschen, die man kaum sah, weil sie sich unter haufenweise Tüten versteckten, rannten an ihnen vorbei. Der eine Mann musste sich ducken. Oh, wie toll, fing plötzlich einer der Gruppe an. Das ist ja, das ist ja..einfach fantastisch. So viele Sachen. Möglichkeiten. Dort auf der Wand. Der Mann. Vor diesem Auto. Das könnte ich sein. Dabei vergaß er ganz sein Kind, das neben ihm stand. Papa, Papa, ich habe Angst. Und auch alle anderen Kinder ängstigten sich. Am liebsten wollten sie wieder zurück zum wohligen Feuer und den Geschichten.
Na, komm, mein kleiner! Schau dir das Leben an. Was wollen wir denn in so einem Bunker versauern. Dann zog er das Kind hinter sich her, während es immer wieder Papa, Papa, ich will nicht schrie und wurde von den bunten Farben verschlungen. Die anderen taten ihm gleich. Waren wie verhext. Auch sie verschwanden ganz langsam und wurden von diesem irren, grellen Kosmos eingesogen. Nach und nach wagte sich einer nach dem anderen, bis der eine Mann ganz alleine im Eingang stand und ihnen starr entgegen blickte. Ganz leicht, aber nur ganz leicht schüttelte er den Kopf. Der andere Mann saß noch auf der Bank im Inneren. Und sind sie weg, rief er.
Natürlich sind sie weg, was dachtest du denn? Der andere Mann entgegnete gar nichts.

Er schloss die Tür hinter sich wieder zu, und ging zurück in den staubigen Raum und sah wie der andere versuchte das Feuer wieder zu entfachen, was er ohne Probleme bewerkstelligte. Lediglich das bunte, unnatürlich wirkende Licht, welches durch den Schacht drang, störte die Beiden. Darum zog der andere sein Hemd aus und stopfte es in die Öffnung, so dass kein anderes Licht mehr hinein dringen konnte. Schweigend setzte er sich daraufhin mit seinem Lederbüchlein neben den anderen. Und, wohin mit uns, fragte er den Anderen. Wieder gab er keine Antwort. Nach dieser letzten Frage, die beantwortet wurde oder auch nicht, dauerte es nicht mehr lange bis den Beiden die Augen schwer wurden und sie einschliefen. 

Julian Gauda



Partizipien



Erhaben erhebt sich gesprochen Gedachtes,
sanft gleitend nieder auf schon gesellschaftlich Geformtes.
Dem Dichtenden ergeben, sich die trinkend stehenden Geister,
lachend und konzentriert.
Erwartend, nach vorne blickend auf die Bühne.
Wie schön partizipierend sie sind.
Aktiv lauschend, passiv verharrend,
Aber auch angestrengt denkend,
wird das Vorgetragene bewundert.
Himmelhochjauchzender, applaudierender Beifall
Dem unverstandenen Poeten.

Wenigstens schön ist es gewesen.   

Julian Gauda



Man weiß nicht wo es herkommt und was es ist und ob es überhaupt da ist


Seit Monaten saß er jeden Tag an seinem Schreibtisch und seine Frau, sie ging jeden Tag nach draußen und kam erst spät am Abend wieder zurück. Jeden Morgen stand er vor ihr auf, mahlte sich einen Kaffee und machte ihr einen schwarzen Tee.
Gemeinsam lagen sie immer noch eine Zeit lang im Bett, bis es richtig hell war. Meistens schlief sie noch ein wenig neben ihm und grub sich in seine Seite, während er aufrecht saß und ein Buch las. In der Regel wurde in dieser Zeit ihr Tee kalt. Er ging noch einmal in die Küche und wärmte ihn in der Mikrowelle wieder auf. Dann ging er zurück und machte sie ganz langsam und behutsam wach.
-          Aufstehen, meine Süße, es ist Zeit.
Und dann lagen sie so noch eine Weile, bis sie bereit war aufzustehen. So ging es Morgen für morgen und es war gut so. Wie in ihren Träumen. Doch irgendwann, beide wussten nicht genau wann genau es passierte, wusste man plötzlich nicht mehr genau, warum es gut war, aber man machte aus Gewohnheit trotzdem weiter.

Es war 9.03 Uhr, er war alleine und saß vor seiner Schreibmaschine. Die Worte kamen nicht. Sie hielten sich an diesem Tag beharrlich zurück. Er beneidete die Autoren, die immer die richtigen Worte fanden, wenn sie sich vor das Blatt setzten. Er hingegen brauchte immer sehr lange. Manchmal sogar Tage. Er war nicht talentiert. Das wusste er selber. Aber er fand es selbst nicht schlimm, weil es ihm nicht darum ging. Es ging ihm um was anderes.
Sie hatte vor einer halben Stunde das Haus verlassen. Erst fuhr sie mit dem Rad zur Bushaltestelle, dann nahm sie den 352er oder den 353er zum Hauptbahnhof und dann nahm sie dort den Regionalexpress Richtung Köln. Sie entfernte sich immer weiter. Stück für Stück.
Am Morgen hatten sie kaum miteinander geredet. Er machte sich einen Kaffee und ihr einen Tee. Früher hat er ihr auch einen Kaffee gemacht. Er mahlte ihn zuerst ganz fein und ließ ihn dann durch eine rote Espressomaschine laufen. Währenddessen schäumte er Milch auf. Er ließ sich ganz viel Zeit, so dass der Schaum ganz dicht war. Dennoch durfte er sich nicht zu viel Zeit lassen, sonst wurde die Milch viel zu heiß. Das tat ihr nicht gut. Er schäumte sie gerade so lange auf, bis der Kaffee durch die rote Kaffeemaschine gelaufen war.
Aber seit ein paar Monaten hatte sie Probleme mit dem Magen und vertrugt diesen Kaffee nicht mehr. Seitdem machte er ihr immer schwarzen Tee. Schwarzen Tee, den man nicht aufschäumen konnte.
Zum Abschied gaben sie sich einen kurzen Kuss.
-          Tschüss, sagte sie.
-          Bis nachher, sagte er.
Dann ging sie hinaus und schloss die Tür hinter sich. Er schmiss mit einem saftigen Ruck die große Schublade zu, aus der er gerade einen Löffel genommen hatte. Er hatte den Drang ihr hinterher zu gehen, aber er sah keinen wirklichen Grund.

Die Sonne schien seitlich ins Fenster hinein. Die Strahlen blendeten seine Augen, wenn er seinen Kopf ein Stück zu weit nach rechts bewegte. Das lenkte ihn ab. Es verführte ihn nach draußen zu blicken. Hinein in den schönen Tag.
Er stand auf und stellte sich direkt vors Fenster. Gegenüber auf einem Parkplatz stiegen gerade zwei Kinder in ein Auto ein. Sie hielten Butterbrotboxen in den Händen. Als sie lachend eingestiegen waren, machte ein älterer Mann hinter ihnen die Tür zu, stieg vorne ein und fuhr los. Die Straße hinab. Er schaute ihnen so lange nach bis sie um die Kurve verschwanden. Dann war er wieder alleine.
Er ging durch die Wohnung, die für ihn alleine eigentlich viel zu groß war. Alles lag still da. Die Flächen der Schränke und Tische waren leicht verstaubt. Staub flog auch glitzernd durch die Luft. Alles lag so still da. Nichts bewegte sich. Der Paravan stand still auf dem Fischgrätenparkett, zwei Hoolahoopringe und ihre Bilder hingen still an der Wand. In der Küche angekommen, goss er sich einen Tee auf und ging dann wieder zurück zum leeren Blatt.
Er schrieb:
-          Das was sie gemeinsam erschufen, verwandelte sich mit der Zeit in Fließbandarbeit. Alles sah von außen noch genau so aus wie damals, aber es wurde nur noch aus Routine gemacht und weil es funktionierte. Nichts als Fließbandproduktion. Man muss nicht mal mehr hinschauen….
Weiter ging es nicht. Mit den flachen Händen rieb er sich die Augen, die schwer waren und müde, obwohl er erst vor anderthalb Stunden aufgestanden war und genug geschlafen hatte. Und als er sich den Schlaf aus den Augen gerieben hatte und sein Gesicht ganz rot war, da sah er sie draußen wieder vor dem Fenster entlang laufen.
Jeden Morgen lief sie um dieselbe Zeit vorbei. Sie war klein und blond. Nicht größer als 1,60 Meter und sehr zierlich. Bei den meisten Joggern, die er sah, konnte er sich ein Lachen nicht verkneifen. Aber bei ihr nicht. Sein Blick wurde starr und wich ihr nicht mehr von der Seite bis sie im Park verschwand. Jeden Morgen beobachtete er sie und er hatte sich mit der Zeit eingeredet, sie hätte es gespürt und würde seitdem immer extra langsam an seinem Fenster entlang laufen, damit er es genießen konnte.
Ihre kleinen Brüste wirkten fest und bewegten sich fast nicht. Ihr Po war fast nicht zu sehen. Er war stets in eine graue Jogginghose gehüllt.

Seine Frau und er waren in all der Zeit, in der sie sich kannten nur ein einziges mal Laufen.
Damals ging es ihr nicht gut. Und es tat ihm weh, dabei zu zuschauen. Sie hatte wegen irgendetwas große Sorgen und weil man in diesem Augenblick gegen diese blöden Sorgen nichts Unmittelbares unternehmen konnte sagte er zu ihr:
-          Komm, lass uns laufen gehen. Scheiß drauf. Lass uns kurz weg laufen. Nur für eine halbe Stunde.
Danach ging es ihr wirklich besser. Ihre Beine waren schwer und sie wollten sich nicht mehr bewegen. Eng umschlungen saßen sie zu Hause und schauten einen Krimi. Er sah sie an. Ihre Sorgen waren noch da. Aber es ging ihr besser. Er griff nach ihrer Hand und hielt sie ganz fest.

Das blonde Mädchen war im Park verschwunden. Ihm wurde kalt und er schloss das Fenster. Wieder machte er sich ans Blatt und schrieb weiter:
-          Gestern sagte sie zu ihm, sie sei von seiner Zuneigung abhängig. Aber er glaubte ihr nicht. Er wünschte sich es so sehr. Aber er glaubte ihr nicht, obwohl es stimmte. Er war krank. Aber er konnte ihr es nicht sagen……
Er wusste genau wann sie wieder an seinem Fenster vorbei lief. Konzentrieren konnte er sich so oder so nicht mehr. Er wollte viel lieber raus gehen. Auch so weit weg, wie sie, seine Frau. Er nahm seine Jacke, nahm den Schlüssel und lief so schnell er konnte die Treppen hinab, ging ums Haus auf die Straße und wartete, bis er die kleine zierliche Erscheinung wieder erblickte, die ihm immer näher kam. Als sie direkt vor ihm war, blieb  sie plötzlich stehen und schaute ihn überrascht an.
-          Hallo sagte er, ich bin……

Als sie um fünf nach Hause kam und die Tür öffnete, war die Wohnung dunkel. Sie ging durch den Korridor und öffnete die Tür zu ihrem Zimmer. Auch es war dunkel. Der Stuhl auf dem er jeden Tag saß war leer. Draußen fing es schon an zu dämmern. Auf dem Tisch erblickte sie ihr Handy, das sie in der Eile heute Morgen vergessen hatte und schaute nach einem Anruf in Abwesenheit. Aber das Display war leer. Nur eine Uhrzeit und die üblichen Menüsymbole. Sie fühlte sich komisch; unbehaglich.
-          Er ist bestimmt auf dem Weg nach Hause. Er war einkaufen. Der Kühlschrank ist ja auch ziemlich leer. Er hat bestimmt eine S- Bahn verpasst. Gleich wird er da sein, dachte sie.
Sie sehnte sich nach ihm, nach seiner Nähe, seiner Vertrautheit. Keiner kannte sie so gut, wie er. Sie wollte ihn jetzt bei sich haben. Seit Tagen war er schlecht drauf. Sie wusste nicht warum. Ab und an war er plötzlich abwesend. Überhaupt nicht da. Es schien, als sei er in einer ganz anderen Welt. Seine Blicke ihr gegenüber waren in diesen Momenten starr. Er schaute sie richtig misstrauisch an. Aber sie nahm ihn so wie er war.
Eine ganze Stunde verging, ohne dass er auftauchte. Sie saß unruhig im Wohnzimmer und strickte an dem  Schal weiter, den sie ihm zu Weihnachten schenken wollte. Langsam machte sie sich ernsthafte Sorgen. Darum schrieb sie ihm eine SMS.
-          Wo bist du?  Nun melde dich mal. Ich mache mir Sorgen.
Aber es kam nichts zurück. Auch nach einer halben Stunde nicht. Dann rief sie ihn an. Freizeichen. Die Zeit dehnte sich und sie hörte ein Freizeichen nach dem anderen. Dazwischen lange Pausen. Lange, lange Pausen. Und dann ging die Mailbox dran.
Danach rief sie einen Freund von ihm an. Aber auch er hatte nichts von ihm gehört. Sie bekam eine schlimme Vorahnung und konnte nun nicht mehr länger sitzen. Sie lief unruhig auf und ab. Dann zog sie sich an um die Wohnung zu verlassen und ihn zu suchen. Aber wo sollte sie anfangen? Sie hatte keine Ahnung, wo er sein konnte. Also zog sie sich wieder aus, legte sich ins Bett, und sehnte sich nach Schlaf. Aber weder der Schlaf noch er kamen und sie wurde fast verrückt. Sie fing an zu weinen und umgriff die große Decke so feste sie konnte. Gegen neun Uhr hörte sie plötzlich das Schloss. Die Tür öffnete sich.

Er zog leise seine Schuhe aus. Alles war dunkel. Er schaute in die Küche. Dort standen ein paar frisch gespülte Teller, die, als er am Morgen das Haus verließ, noch dreckig waren. Sie musste also da sein, oder zwischendurch wenigstens da gewesen sein. Er öffnete die Tür zum Schlafzimmer und sah sie dort liegen. Sie starrte ihn an. Alles war so leise, so dunkel. Beide sahen nur gegenseitig ihre Konturen, einen Teil Augen, die geöffnet waren und sich anschauten. Dann sprang sie auf und umklammerte seine Beine, während er vor dem Bett stand und an die Wand starrte. Mit einer Hand streichelte er langsam über ihren Kopf. Sie bekam einen unkontrollierten Heulkrampf. Er musste sich zusammenreißen.
-          Gottverdammt, schrie sie in seine Beine, wo warst du. Bist du bescheuert. Einfach so lang weg zu bleiben!
Schlagartig richtete sie sich auf und gab ihm eine Backpfeife, so stark, dass etwas Blut aus seinem Mund quoll. Er hielt sich die Hand vor die Lippe und schaute dann auf das Blut auf seinen Fingern. Er schwieg, weil er einfach nicht wusste, was er sagen sollte, obwohl er den ganzen Tag darüber nachgedacht hatte.
-          Jetzt sag endlich! Wo warst du? Wo warst du? Hast du eine andere? Sag es mir: Wen fickst du! Jetzt sag es mir endlich!
Ihre Tränen schienen kein Ende nehmen zu wollen. Ein markerschütterndes Wimmern.
Dann erhob er langsam seine Stimme:
-          Ich war spazieren.
-          Was? Erzähl mir doch keinen Scheiß.
-          Doch, ich war spazieren. Ich bin mit der Bahn gefahren und dann mit dem Bus. Ich war ungefähr eine Stunde unterwegs. Dann bin ich durch einen Wald gegangen. Ein Stück eine Straße lang, die dann zu einem Weg wurde, welcher steil bergauf führte. Um mich herum lagen die Bäume, still und friedlich. Ich kam höher und höher. Am Ende des Weges war eine Burgruine. Ich ging durch sie hindurch und setzte mich auf der anderen Seite auf einen Treppenabsatz. Vor mir erstreckte sich eine Art Tal. Man konnte weit schauen. Ein Fluss floss dort auch vor mir entlang und sogar noch ein zweiter, kleinerer. Ich konnte ganz weit schauen. Dort blieb ich sitzen und fing an zu schreiben. Ich fing eine Geschichte an.
Dann ging er in die Hocke und schaute ihr tief in die Augen. Er hielt mit beiden Händen ihre Schultern.
-          Du glaubst mir doch, oder?
Sie machte das Licht an und musterte seinen Blick. Ein nichtssagender Blick. Aber da sah sie plötzlich eine glasige Schicht auf seiner Netzhaut, als sie ganz genau hinschaute.
-          Ich weiß es nicht, gab sie zur Antwort.
Er schluckte und legte sich langsam neben sie und erlosch das Licht. Alles war dunkel. Nicht mal die Sterne am Himmel waren zu sehen. Auf der anderen Seite der Straße blickte der Giebel eines Einfamilienhauses auf ihr Fenster. In der Giebelwand unter dem Dach war ein kreisrundes Fenster, das hell herüber strahlte.
-          Soll ich dir vielleicht morgen mal wieder einen Milchkaffee machen?
-          Ich weiß es nicht, nuschelte sie leise in die Bettdecke hinein, während sie seine Hand ganz fest zusammendrückte.

-          Guten Morgen, ich bin Julia, sagte sie.
Sie atmete schwer, aber wirkte sehr locker und schien wohl mit der spontanen Vorstellungsrunde keine Probleme zu haben.
Er öffnete seinen Mund und sah ihr tief in die Augen.
-          Alles gut bei ihnen, fragte sie ihn, nachdem er auch nach ein paar Sekunden nichts gesagt hatte.
-          Ähm, oh ja. Ich habe mal eine Frage. Ich wohne hier noch nicht so lange. Wissen sie zufällig einen gut abgelegenen Ort für einen Spaziergang?
Sie kniff die Augen zusammen, schaute in den sonnigen Himmel. Er konnte ihre Sommersprossen auf der Nase erkennen.
-          Mhmm, mal überlegen, sinnierte sie, also ich kenne einen richtig tollen Ort. Man ist da allerdings ne ganz schöne Weile unterwegs. Wie lange haben sie denn Zeit?
-          Den ganzen Tag , antwortete er.


In der Ferne sah er die Silhouette eines Bauwerkes. Es sah aus wie ein undefinierbarer Fleck auf einem orangen Blatt Papier. Niemand kreuzte seinen Weg. Er war ganz alleine. Als er die  Lichtung, die auf der Spitze des Berges lag, erreichte, sah er, dass es sich um eine alte Burgruine handelte. Er stieg ein paar Treppen hinauf und ging durch einen  Rundbogen.

In der Mitte der Ruine blieb er stehen und schaute ins Tal, das vor ihm lag. Alles sah so gemalt aus. So künstlich und er musste an die Probleme denken, die er mit ihr hatte, die auf einmal so weit weg erschienen. So gemalt, so künstlich. Und plötzlich schien alles weg zu sein. Er musste nur in die Ferne gucken, nur auf den orangen flimmernden Horizont und es schien alles nicht mehr da zu sein. Er blieb genau eine Stunde. Bis es dunkel war. Dann stieg er den Berg wieder hinab und nahm den Bus, der ihn zu ihr nach Hause führte. 

Julian Gauda